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Emergent Sounds
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Sabine Hack
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Im Gespräch mit Jürgen Kisters

“Filme sind eine wunderbare Grundlage, um ins Gespräch zu kommen”
An jedem ersten Samstag eines Monats öffnet in unserer KULTURKIRCHE OST das Vorstadtkino. Das Programm verantwortet der Journalist und Kurator Jürgen Kisters. Wir sprachen mit ihm über seine Motivation, in Zeiten des Kinosterbens unverdrossen anspruchsvolle Filme zu zeigen.

KULTURKIRCHE-OST.de: Warum ein Vorstadtkino?

Jürgen Kisters: Es ist doch kurios, dass es für rund 357.000 Menschen im rechtsrheinischen Köln kein Kino gibt. Mülheim zum Beispiel hatte mal eine funktionierende Kinolandschaft, aber in den frühen Achtziger Jahren hat dort das letzte Kino zugemacht, das “Stern am Ring“. Seitdem gibt es nur noch das Autokino in Porz. Da viele Sparten des Kulturgeschehens sehr lange und immer noch sehr stark aufs Linksrheinische ausgerichtet sind, wollte ich wenigstens eine regelmäßige Filmvorführung auf Großleinwand im Rechtsrheinischen anbieten.

Wie kam es dann zum Vorstandkino in unserer KULTURKIRCHE OST?

Kisters: Ich hatte schon einmal einige Jahre lang eine Kinoreihe im Kulturbunker Mülheim. Die wurde gut angenommen, musste jedoch aufgrund struktureller Probleme leider eingestellt werden. Mit der KULTURKIRCHE OST ist eine wunderbare Örtlichkeit gegeben, um das Konzept der regelmäßigen Filmvorführungen auf Großleinwand erneut zu starten. Den Anfang machte eine Filmreihe im Rahmen einer Böll-Veranstaltung. Danach habe ich mit den Organisatoren der GAG über eine Fortführung nachgedacht und die Idee des Vorstadtkinos entwickelt. Dabei ging es mir von Anfang an nicht darum, nur ein Angebot zum Filmkonsum zu schaffen. Die Idee besteht darin, ausgewählte Filme mit Gesprächen zu verbinden. Filme mag schließlich jeder, und über sie sind eine wunderbare Grundlage, um über das Filmerleben miteinander ins Gespräch zu kommen. Und tatsächlich bin ich immer noch und immer wieder überrascht, wie groß der Gesprächsbedarf und die Gesprächslust im Anschluss an einen Film ist. Auch wenn es meist mit einen kurzen Zögern beginnt, wird es bald sehr lebhaft.

“Man guckt Filme ganz anders, wenn man den Kontext kennt.”

 

Wie sieht so ein Abend aus?

Kisters: Ich beginne mit einer kurzen Einführung: Warum dieser Film? Was ist an diesem Film oder diesem Regisseur interessant, vielleicht außergewöhnlich? Ich stecke einen thematischen Rahmen ab, zum Beispiel historische oder aktuelle gesellschaftliche Zusammenhänge oder grundlegende Existenzthemen. Auf der einen Seite gibt es das individuelle Erleben, auf der andere Seite ist es bisweilen hilfreich und inspirierend, wenn man den Kontext von Filmen kennt. Erfahrungsgemäß gehen die Diskussionen im Anschluss oft und gern ins Gesellschaftspolitische. Man wundert sich bisweilen, welche Gesprächsentwicklungen ein Film anstoßen kann. Ich scheue keine kontroversen Diskussionen, die gibt es heutzutage ohnehin viel zu wenig. Vielmehr möchte ich mit der Filmreihe an die Diskussionsfreudigkeit früherer Zeiten anknüpfen, bei der Kulturveranstaltungen nicht in erster Linie Unterhaltungskonsum darstellten, sondern eine Möglichkeit zum Austausch, zur Bewusstseinsentwicklung – welcher Art auch immer.

Jürgen Kisters Vorstadtkino Kulturkirche Ost Köln GAG

 

Gibt es in Köln noch weitere Kinoreihen von Ihnen?

Kisters: Im Domforum zeige ich an jedem ersten Freitag im Monat jeweils zwei Filme hintereinander. Die Idee ist dabei, zwei Filme thematisch miteinander zu verknüpfen. So funktioniert der Filmabend als Unterhaltung beim Besuch einer Vorführung und als Themenvertiefung beim Besuch beider Vorstellungen.

“Ich hoffe, es kommen Menschen ins Kino, die mit Leidenschaft einen Film schauen.”

 

Man könnte also sagen, Sie sind von Beruf Kinokurator.

Kisters: Wenn Sie so wollen – ich ziehe Kulturvermittler vor. Ich bin in sehr vielen kulturellen und sozialen Bereichen tätig seit langem der Ansicht, dass sich die verschiedenen Bereiche alle gegenseitig ergänzen. Ich hatte immer ein großes Interesse am Film. Mir gefallen Menschen, die etwas mit Leidenschaft machen. Und ich hoffe, es kommen Menschen ins Kino, die mit Leidenschaft einen Film schauen, sich mitreißen lassen und anschließend Lust auf die Frage haben, warum das passiert ist. Zu meinen Kinoprogrammen gehören auch Filme, die polarisieren. Manchmal identifiziert man sich als Zuschauer mit einer Figur, die von anderen als moralisch völlig indiskutabel erlebt wird. Manchmal gerät man im Film in Verwicklungen, die einem selbst nicht geheuer sind. Das legt Ambivalenzen offen, die man im Alltag nicht ausleben darf. Es ist fantastisch, dass Filme so etwas können, dass sie vertrackte seelische Komplexe und Problemkreise beleben, die wir uns gewöhnlich nicht bewusst machen. “Matchpoint” von Woody Allen, “Dogville” von Lars von TrierJohn FordsDer Schwarze Falke” oder Mike Leighs “Another Year” sind solche Filme. Danach gibt es immer sehr kontroverse Diskussionen mit dem Publikum.

Das erwartet Filmfans 2018 im Vorstadtkino.

 

Nach welchen Gesichtspunkten wählen Sie die Filme aus?

Kisters: Mein Ziel ist eine gute Mischung aus Klassikern und neueren Filmen, aus internationalen und deutschen Filmen, gesellschaftlich-sozialen und psychologisch-existentiellen Themen. Sie sollen immer eine Relevanz haben – individuell-psychologisch oder gesellschaftlich.

“Ich halte einige Klassiker im Spiel.”

 

Gibt es denn ein vergleichbares Angebot in Köln?

Kisters: Es gibt tatsächlich nicht mehr sonderlich viele ambitionierte Filmprogramme in Köln: die Filmpalette hat ein interessantes Programm, der Filmclub 813 auch. Die Kunsthochschule für Medien zeigt aktuelle Produktionen ihrer Studenten und das Filmforum NRW zeigt vor allem Premieren. Das Filmhaus gibt es momentan ja leider nicht. Ich halte einige Klassiker im Spiel und einige neuere Filme, von denen ich vermute, dass sie Klassiker werden könnten. Etwa so, wie das früher die “Lupe” gemacht hat, das fand ich immer prima.

 

Das Programm des Vorstadtkinos in unserer KULTURKIRCHE OST für 2018 steht ja schon fest. Gibt es darunter einen Film, den Sie besonders empfehlen würden?

Kisters: Die sind alle gut, sonst würde ich sie nicht ausgewählt haben. Es geht um alles, was das Menschlich-Allzumenschliche ausmacht: Freundschaft und Verrat, Liebe, Hingabe und Verlust, die Entwicklung zur Studentenbewegung, die Schonungslosigkeit des ganz gewöhnlichen Egoismus’, Einsamkeit, Verzweiflung und vieles mehr. Die Leute, die regelmäßig kommen, wissen mittlerweile: Die Filme, die wir zeigen, sind immer interessant, die berühren immer, die sind immer mehr als nur ein paar bewegte Bilder.

KULTURKIRCHE-OST.de: Dann bleibt uns nur noch zu sagen: herzlichen Dank fürs Gespräch und – Film ab!

 
Was gibt’s als nächstes in unserer KULTURKIRCHE OST? Schauen Sie doch mal in unseren Kalender!