Katastrophenwitterung

Rainer Plum Kulturkirche Ost Köln
Rainer Plum
23. November 2021

Katastrophenwitterung

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Unbekannte Texte der jüdischen Künstlerin Hilde Rubinstein, gelesen von Angelika Hensgen und Eva Weissweiler. Mit Jazz von Stephan Everling (Gitarre) und Charlie Biggs (Trompete) sowie einer Einführung von Heinrich Bleicher (Hans-Mayer-Gesellschaft).

 

Am Freitag, 10. Dezember 2021, in unserer KULTURKIRCHE OST.


hilde rubinsteinEs fällt schwer, sich Hilde Rubinstein als glückliche Frau vorzustellen. Ihre Theaterstücke, Romane und Beobachtungen befassen sich überwiegend mit apokalyptischen Ereignissen, die teils – etwa in ihrem Theaterstück „Gefrorenes Reh“ über eine Welt im atomaren Fallout – ihrer Phantasie, teils aber auch ihrem eigenen Erleben entstammen – etwa die Tagebucheinträge aus ihren Gefängnisaufenthalten im nationalsozialistischen Deutschland und in der Sowjetunion. Letztere erschienen 1999 – zwei Jahre nach ihrem Tod – im Paderborner Igel Verlag. Bezeichnender Titel: „Ich wollte nichts als glücklich sein“.

Hilde Rubinstein war zeitlebens ein kritischer Geist, angetrieben von einer humanistisch-pazifistischen Einstellung, zu Unrecht reduziert auf ein linke, sozialistische Haltung. „Unbequem“, nennt man das wohl. Die Kölner Autorin Eva Weissweiler hat es sich zur Aufgabe gemacht, Hilde Rubinstein dem drohenden Vergessen zu entreißen. „Katastrophenwitterung“, eine Wortschöpfung aus dem bereits erwähnten Theaterstück, hat Weissweiler den Abend in unserer KULTURKIRCHE OST überschrieben, den sie gemeinsam mit Angelika Hensgen dem literarischen Schaffen Hilde Rubinsteins gewidmet hat. 

Von wegen „Goldes wert“

Deren Vita liest sich stellenweise wie eine durchgängige Pechsträhne. 1904 als Tochter einer russisch-jüdischen Familie in Augsburg geboren, in Hannover aufgewachsen und in Köln zur bildenden Künstlerin gereift, heiratete sie 1928 den offenbar falschen, zog 1930 nach Berlin und gebar, alleinstehend, eine Tochter. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie in ihrem 1932 in Berlin uraufgeführten Stück „Eigener Herd ist Goldes Wert“.

1933 kam sie erstmals ins Gefängnis – wegen Mitgliedschaft in der KPD und des damit quasi zwangsläufig einhergehenden sogenannten „Hochverrats“. Über Belgien und die Niederlande gelang ihr die Flucht aus Nazideutschland nach Schweden, ehe sie 1936 in bester Absicht, ihren Bruder zu besuchen, in Stalins Sowjetunion reiste und dort erneut hinter Gitter kam – diesmal unterstellte man ihr „trotzkistische Kurierdienste“. Wieder konnte sie entkommen, wieder nach Schweden – und diesmal blieb sie, während ihr Bruder und ihre Mutter in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Literarischer Durchbruch

Anfang der 1950er Jahre setzte Hilde Rubinstein ihre einst in Deutschland so vielversprechend begonnene schriftstellerische Tätigkeit in der Sprache ihres Exillandes fort. Ihr dystopischer Roman „Atomskymning“ (1953, „Atomdämmerung) fand viel Aufmerksamkeit in Schweden. Im deutschsprachigen Raum hingegen blieb sie ihm weitgehend verwehrt.

Bis zuletzt wollte die Beziehung zu ihrem Geburtsland nicht wirklich heilen. Zwar verbrachte Hilde Rubinstein um 1980 herum noch einige Jahre in Berlin, kehrte aber dann wieder nach Schweden zurück, wo sie 1997 in Göteborg verstarb. Bis zu ihrem Lebensende arbeitete sie. Sie hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk, darunter mehr als 20 Theaterstücke. Immer wieder befasste sie sich darin engagiert mit den elementarsten Problemen ihrer Zeit: Hass, Ausgrenzung und Verfolgung, Krieg und Aufrüstung – sogar die herannahende Klima- und Umweltkatastrophe sah sie voraus. Sie hatte offenbarg selbst eine gute „Katastrophenwitterung“.

An sich selbst schätzte Hilde Rubinstein wohl vor allem das dramatische Talent. Und bei allem Unglück bewahrte sie sich augenscheinlich einen pointierten Humor. Zitat aus „Eigener Herd ist Goldes wert“: „Ich finde, der Mann gehört nicht ins Haus. – Die Frau auch nicht. Häuser sind bloß wegen der Kälte da.“

Kommentierende Musikauswahl

 

Jazzige Intermezzos von Gitarre (Stephan Everling) und Trompete (Charlie Biggs) kommentierten die Lesung von Eva Weissweile und Angelika Hensgen immer wieder. Die Musikauswahl war dabei alles andere als zufällig: Der „Treue Husar“ bezog sich auf ein Theaterstück von Hilde Rubinstein, dazu der „Kanonensong“ und „Alabama“ von Bert Brecht/Kurt Weill, eine psychedelische Improvisation zu „Hiroshima“ und ein schwedisches Volkslied in neuem Klanggewand.

Eva Weissweiler bei Perlentaucher

 

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